Health Policy

Lehren aus der Pandemie – Muss sich die onkologische Versorgung wandeln?

09. November 2021

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Welche Lehren können wir aus der Pandemie für die onkologische Versorgung in Deutschland ziehen, um die nachhaltige Versorgung aller Patient:innen zu gewährleisten? Diese Frage stand im Fokus des MSD Luncheon.

Die Erfahrungen und Erkenntnisse der Anwesenden aus den vergangenen beiden Jahren zeigen deutlich: Covid-19 hat viele Schwachstellen des bestehenden Systems schonungslos offengelegt. Verzögerungen und Rückgänge in der Krebsdiagnostik, eine geringere Anzahl an behandelten Patient:innen, Einschränkungen bei der Nachsorge und nichtärztlicher Betreuung oder die Verschiebung zahlreicher Behandlungen in der Hochphasen des Infektionsgeschehens.

Mit Blick auf die bisherigen Auswirkungen der Pandemie auf die onkologische Versorgungssituation in Deutschland ist laut Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und Ärztlicher Direktor für Innere Medizin I an der Uniklinik Ulm, vor allem die Ressourcenallokation im Gesundheitswesen in der Krise an ihre Grenzen gestoßen. Dies habe sich besonders beim Personal bemerkbar gemacht. Der anhaltende Personalnotstand, bedingt durch die anspruchsvollen Arbeitsbedingungen und strikten Quarantäneregeln, hätte vielerorts zu einer Überbelastung geführt und weitere Fachkräfte aus dem Berufsfeld gedrängt. In Zukunft sei es daher unbedingt notwendig, Strategien zur langfristigen Bindung von Pflegepersonal zu entwickeln.

Die stationäre Versorgung in der Onkologie konnte zwar weitestgehend aufrechterhalten werden, doch auch hier habe es zwangsläufig Priorisierungen gegeben, so Herr Prof. Seufferlein. Besonders gravierende Einschnitte seien jedoch in der psychoonkologischen Versorgung und der Krebsnachsorge verzeichnet worden.

Als eine der Ursachen für viele der entstandenen Probleme identifizierte er die zu langsam voranschreitende Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen. Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland in diesem Feld deutlich hinterher. Essentielle Informationen, wie z. B. zur Auslastung von Krankenhausbetten, konnten aufgrund fehlender digitaler Erfassung nicht zur Verbesserung der Versorgung genutzt werden. Umso wichtiger ist jetzt, dass digital vernetzte Dashboards und Register, die als Wissensspeicher für die Forschung dienen können und damit einen enormen Beitrag zur Versorgung von Krebspatient:innen leisten, nicht an datenschutzrechtlichen Fragen scheitern.

Kritisch sieht Prof. Seufferlein auch die öffentliche Kommunikation im Rahmen der Pandemie. So sei durch eine sparsame Kommunikationsstrategie Unsicherheit in der Bevölkerung entstanden. Viele Bürger:innen hätten Vorsorgeuntersuchungen und andere wichtige medizinische Leistungen nicht wahrgenommen.

Erfahrungen aus der Krise als Grundlage für Reformen

Dr. med. Johannes Bruns, Generalsekretär der DKG, betonte wie wichtig langfristige und systemische Lösungen für die onkologische Versorgung sind. Eines der großen Probleme im Gesundheitswesen sei die „Halbwertzeit des Vergessen“. Die politische Reaktion auf aktuell steigende Inzidenzen zeige, dass es zu oft versäumt werde, gewonnene Erkenntnisse aus der Versorgung in Systemreformen zu übersetzen.

Auch beim Thema Krebsregister sieht Dr. Bruns Nachbesserungsbedarf. Eine Reihe kleinteiliger Regelungen im Bereich Datenschutz verhindere die effektive Nutzung von Daten und limitiere den Mehrwert für Versorgung und Forschung. So könne bspw. bei häufigen Arzt- oder Therapiewechseln Probleme auftreten, die sich durch eine Datenbank mit allen nötigen Informationen zur individuellen Krankengeschichte vermeiden ließen. Einzellösungen, wie bspw. das DIVI-Intensivregister, das während der Covid-19-Pandemie weiterentwickelt wurde, könnten in den dauerhaften Gebrauch übergehen und als Vorbild für spätere systematische Lösungen gelten.

Erfahrungen aus der Krise als Grundlage für Reformen

Als ein zentrales Thema für die kommende Legislaturperiode sieht auch Frau Kristine Lütke MdB, FDP, und u.a. Geschäftsführerin einer Seniorenbetreuungs- und Pflegeeinrichtung im Nürnberger Land, die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Die Einführung moderner, digitaler Konzepte sei schon lange Kernthema ihrer Partei. Aus politischer Sicht müsse der Datenschutz zwar stets mitgedacht werden, jedoch dürfe dieser Innovationen mit Mehrwert für die Versorgung und Forschung nicht ausbremsen.

Die zögerliche, flächendeckende Einführung des Krebsregisters ist aus Sicht der FDP nicht zufriedenstellend. Für eine dauerhafte Verbesserung der Versorgungssituation, fordert MdB Lütke eine verstärkte Forschungsförderung in der personalisierten Medizin und weitere, spezialisierte Krebsforschungszentren.

In der sich anschließenden Diskussion stand die Überwindung der Sektorengrenzen im Mittelpunkt. Es herrschte Einigkeit, dass die Interoperabilität zwischen ambulanten und stationären Systemen auch in der onkologischen Versorgung eine tragende Rolle spiele. Zwar gibt es bereits eine Fülle an erfolgsversprechenden Konzepten; zu oft jedoch scheitern sie an der systematischen Umsetzung.

Zentral für Innovation und Fortschritt im Gesundheitswesen ist und bleibt der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie. Auch in der neuen Legislaturperiode werden wir bei MSD die Situation der onkologischen Versorgung in Deutschland genau beobachten und uns für ein verlässliches und krisenfestes System einbringen.

Ihr Kontakt

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Britta Woldt
Manager*in Gesundheitspolitik

+49 17 28 596 516

britta.woldt@msd.de