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Zurück in den Familienalltag nach Krebs

Ihre Krebstherapie ist abgeschlossen, Sie fühlen sich wieder in der Lage, Ihre Rolle als Mutter oder Vater auszufüllen. Doch oftmals hat sich das eigene Bild verändert – und auch die Welt der Kinder ist nicht mehr dieselbe wie vor der Krebsdiagnose. Stehen zwischen Ihnen und Ihrem Wunsch, bewusster Zeit mit Ihrer Familie zu verbringen, die Hindernisse, die die Nachsorge Ihrer Therapie mit sich bringt – Erschöpfung, therapeutische Arbeit, weitere Behandlungstermine, Angst vor einem Rückfall? Gleichzeitig erleben Sie in so vielen Lebensbereichen ein zweites erstes Mal – vom ersten Tag am alten Arbeitsplatz bis zur Wiederbelebung der Partnerschaft.

Diese verwirrenden Gefühle und das Herantasten an veränderte Rollen greift Brustkrebspatientin Annette Holl in ihrem Beitrag „Mama hat Krebs – darf ich jetzt nicht mehr lachen?“ bei Influcancer.com auf. Sie rät, nicht zu versuchen, dem Wunschbild einer perfekten Mutter hinterherzujagen: die, die nie dem Tablet die Betreuung der Kinder überlässt, Take away-Essen auf den Tisch stellt oder schimpft. Ihren drei Kindern möchte sie eine „authentische Mama“ sein.

Eine junge Frau nach einer Chemotherapie sitzt mit ihrer Tochter am Fenster. Das kleine Mädchen hat ihre Arme um die Mutter gelegt.

Bin ich noch derselbe Vater, dieselbe Mutter wie vor meiner Erkrankung?

Akzeptieren Sie, dass Sie in einigen Dingen und an einigen Tagen die Ansprüche nicht erfüllen, die Sie vor der Krebserkrankung an sich als Mutter oder Vater gestellt haben. Außerdem – Hand aufs Herz: Haben Sie sie wirklich vorher immer mustergültig durchgezogen? Kennen Sie Eltern, die das immer schaffen?

Wahrscheinlich nicht.

Vielleicht geben Ihnen diese neuen Vorsätze Sicherheit auf dem Weg in eine veränderte Elternrolle:

  • Wenn mir nicht danach ist, muss ich die Familienfeier, den Ausflug, den Elternabend nicht mitmachen.
  • Es ist in Ordnung, um Hilfe zu bitten und Aufgaben abzugeben. Ich kann sie bei demjenigen lassen, der sie übernommen hat, anstatt zu versuchen, alles zu kontrollieren.
  • Ich gebe meinen Kindern Raum, Fragen zu stellen und ihren eigenen Umgang mit mir und der Krebserkrankung zu finden.
  • Ich darf Emotionen zulassen und mein Kind darf das auch.

Auch für alleinerziehende Krebsüberlebende gilt: nicht alles allein schultern

„Brustkrebs ist eine schlimme Krankheit, aber die Medizin ist schon sehr weit.“ So erklärt Julia Keita ihrem damals siebenjährigen Sohn ihre Diagnose. Ehrlich über Krebs reden, aber dem Kind eine Perspektive geben – mit dieser Strategie fährt sie gut. Offenheit kann Kindern helfen, die Schuld für die Krebserkrankung nicht bei sich selbst zu suchen und dazu beitragen, (Spät-)Reaktionen zu verhindern.

Mutter und Sohn machen einen Herbstspaziergang. Die Mutter küsst ihren Sohn.

Psychotherapie, Meditation und Antidepressiva helfen der alleinerziehenden Mutter, mit Panikattacken umzugehen. Sie lässt außerdem Unterstützung zu: „Ich lernte während der Krebstherapie, Menschen für mich da sein zu lassen.“ Schließlich hinterfragt sie ihre bisherige Art, zu leben, und krempelt sie schließlich komplett um.

Auf den Seiten von Influcancer lesen Sie Julia Keitas ganzes Porträt mit vielen weiterführenden Informationen.

Kinder reagieren sensibel

Insbesondere kleinere Kinder reagieren sensibel auf die veränderte Stimmung der Eltern. Folgen können u.a. Schlafprobleme, Unruhe oder verstärktes Weinen sein. Möglicherweise suchen Kinder die Schuld für die veränderte Stimmung bei sich selbst. Auch ältere Kinder nehmen die angespannte Gefühlslage der Eltern wahr. Es kann beruhigend wirken, wenn Kinder von ihren Eltern erfahren, dass sie nicht der Auslöser für die Anspannung sind. Jugendliche können mitunter aggressiv, ablehnend oder mit Abwendung auf die Krebserkrankung des Elternteils reagieren: Sie bringen so ihre Traurigkeit, den Ärger und die Besorgnis um Vater oder Mutter zum Ausdruck. Diese Reaktionen können sowohl während der Krebserkrankung als auch in der Zeit nach Abschluss der Therapie auftreten.

Kinder müssen sich fallen lassen können – ein Gespräch kann helfen

Suchen Sie das Gespräch und bestätigen Sie die Wahrnehmung Ihres Kindes, dass etwas anders ist. Erklären Sie, dass die Krebserkrankung der Grund dafür ist. Setzen Sie sich bei dem Gespräch nicht unter Druck: Sie müssen die Erkrankung nicht in einem einzigen Gespräch umfassend erklären. Vermitteln Sie das Gefühl, dass Ihr Kind sich fallen lassen kann und dass es in Ordnung ist, Gefühle zu zeigen. Ermutigen Sie ihr Kind dazu, Fragen zu stellen – sowohl während als auch nach der Krebserkrankung bzw. -therapie.

Das Wichtigste ist: Seien Sie ehrlich und nehmen Sie sich genügend Zeit für möglicherweise aufkommende Gefühle und Fragen der Kinder.

Durch die Krebserkrankung eines Elternteils kann sich der Familienalltag verändern. Das kann bei Kindern Unsicherheit hervorrufen. Feste Strukturen im Alltag und kleine Rituale, wie beispielsweise abends vor dem Schlafengehen, können Normalität vermitteln. Ältere Kinder müssen wohlmöglich Zuhause mehr Aufgaben und Pflichten übernehmen. Hierbei kann es hilfreich sein, einen zeitlichen Rahmen abzustecken und dabei genug Zeit für die eigenen Hobbys und Interessen zu lassen. Wichtig für alle Familienmitglieder: gemeinsam Zeit zu verbringen und ein kleines Stück Unbeschwertheit miteinander zu genießen.

Eine junge Frau und ein Mädchen im Teenageralter sitzen auf einem Sofa. Die junge Frau streicht dem Mädchen über den Kopf.

Kinder suchen die Schuld möglicherweise bei sich. Es kann beruhigend wirken, wenn sie von ihren Eltern erfahren, dass sie nicht der Auslöser für die Anspannung sind.

Lassen Sie sich helfen

Es ist möglich, dass Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten auf die Erkrankung eines Elternteils reagieren. Dazu gehören unter anderem Schuldgefühle, Angst, Rückzug oder Aggressionen. Aber auch körperliche Symptome wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder Bettnässen können Reaktionen auf die veränderte Situation sein. Oftmals zeigen sich diese vorübergehend als Ausdruck von Angst, Stress und emotionalem Schock. Solche Auffälligkeiten können aber in einigen Familien auch über längere Zeit hinweg, auch bis nach Abschluss der Therapie, bestehen bleiben. Wenn Sie sich unsicher sind, wie Sie das Verhalten Ihres Kindes einschätzen sollen, können Sie jederzeit professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Psychoonkolog:innen können nicht nur Ihnen, sondern auch Ihren Kindern helfen, in den Familienalltag zurückzufinden und die Erlebnisse zu verarbeiten. Sie sind wichtige Unterstützer:innen, die mit Ihnen gemeinsam beraten, wie Sie mit Herausforderungen im Familienleben umgehen können.

Sowohl für Eltern als auch für Kinder ist die Zeit während und nach einer Krebserkrankung ein Wechselbad der Gefühle. Kinder brauchen in dieser Zeit besonders viel Verständnis und liebevolle Zuwendung. Um Zusammenhänge besser zu verstehen und zu spüren, dass ihre Gefühle völlig in Ordnung sind, können auch Kinderbücher helfen. Diese können auch als Grundlage für ein gemeinsames Gespräch dienen. Probieren Sie es doch mal mit der Geschichte von Sparky, dem kleinen Glühwürmchen.

Ein möglicher Weg kann sein, dem Kind zu vermitteln: „Es geht mir besser. Du musst dich nicht mehr um mich sorgen, nicht mehr für mich sorgen – du darfst Kind sein.“ So können Sie Ihrem Kind die Last nehmen, für Sie stark sein zu müssen.

Trotz aller Belastungen, die eine Krebserkrankungen mit sich bringen kann, gehen viele Kinder gestärkt aus der schwierigen Lebenssituation hervor, die die Erkrankung eines Elternteils für sie bedeutet.

Zum Weiterhören und Weiterkommen

Die Plattform Sanaso vermittelt Ihnen schnell und unkompliziert Termine bei qualifizierten Psychoonkolog:innen.

Im MSD Podcast „Café Krebs“ erzählt die inzwischen 29-jährige Annelie Vorland, wie sie die Krebserkrankung beider Eltern als Kind erlebt hat: „Meine Eltern hatten Krebs – Die Perspektive einer Tochter“.

Weitere nützliche Informationen finden Sie auch in der MSD Patientenbroschüre Krebs: Was nun?