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Ich bin Martina, ich bin 55 Jahre alt und hatte Brustkrebs.

Martina ist Mutter, berufstätig und inzwischen krebsfrei. Wie hat sie den Weg durch die Krankheit und die Zeit danach erlebt? Kann sie jetzt wieder alles so machen wie vorher? Geht sie jetzt anders mit ihrem Leben und Vorstellungen um? Hier ist ihre Geschichte.

Martina, schon vor Deiner Diagnose hattest Du eine ungute Ahnung, oder?

Martina:

Ich hatte das Gefühl, irgendwie ist etwas nicht in Ordnung. Ich hatte an den Seiten, an den Armen, Schmerzen. Ich bin zu Ärzten gegangen, aber man hat nichts festgestellt. Da ich berufstätig und in meinen Job stark eingebunden war, habe ich aufgehört zu Ärzten zu rennen und mir gesagt, das wird wohl schon nichts Schlimmes sein. Meine Blutwerte und alles waren auch ok. Dann bin ich mit meinen Freundinnen über Nikolaus weggefahren. Wir haben ein Weihnachtsmarkt-Wochenende gemacht, und ich habe zu meiner Freundin gesagt: „Wenn wir heute Abend auf dem Zimmer sind, kannst du mal fühlen, da ist irgendwas an der Brust“, und sie antwortete: „Ja, klar mach ich.“ Dann hat sie das abgetastet und gesagt: „Martina, da ist auch was. Geh bitte direkt am Montag zum Frauenarzt.“ „Ja“ habe ich gesagt, „dann mach ich das“. Ich bin zur Mammografie und sie haben festgestellt, dass da ein Mammakarzinom auf der linken Seite ist.

Du hast ein sehr bewusstes Gefühl für Deinen Körper? Das ist auch nicht selbstverständlich.

Martina:

Ja, da bin ich überhaupt nicht draufgekommen, dass es Frauen gibt, die gar nicht zum Frauenarzt gehen, weil sie sich zum Beispiel schämen, sich vor dem Arzt auszuziehen. Das habe ich noch nie gehabt. Ich bin immer regelmäßig zum Arzt gegangen und hab mich untersuchen lassen. Was ich nicht gemacht habe: Ich habe nicht jeden Monat meine Brust abgetastet. Heute plädiere ich natürlich dafür – und sage jedem: Hör mal, pass auf dich auf und taste deine Brust vernünftig ab.

Martina blickt lächelnd in die Kamera. Ihr Haar ist ganz kurz, ihre Sonnenbrille ist lässig hochgeschoben. Sie trägt ein weißes Shirt und eine graue Strickjacke. Um sie herum herrscht gesellige Atmosphäre.

Wie hat sich deine Krankheit auf die Beziehung zu Deinem Umfeld ausgewirkt?

Martina:

Ich habe Freunde, die konnten nicht mit dem Thema umgehen. Ich glaube, sie hatten Angst, mit mir darüber zu sprechen. Dabei war ich ja der Mensch, der ich auch sonst immer war. Ich hätte mir manchmal einfach ein bisschen Ablenkung gewünscht. Man will nicht, dass die Leute weggucken, sondern möchte wahrgenommen werden. Man braucht kein Mitleid, aber ein Lächeln. Na ja – ich bin dann viel im Wald spazieren gegangen, habe dort meditiert und die frische Luft genossen.

Martina macht einen Herbstspaziergang. Sie trägt eine schwarze Windjacke und einen gestreiften Schal. Unter ihrer Wollmütze gucken ihre dunklen Haare hervor. In den Ohren hat sie kabellose Kopfhörer. Entspannt blickt sie in die Kamera.

„Im Wald habe ich meine Runde gedreht, auch den steilen Berg rauf, teilweise mit einem Puls von 180, das war dann schon sehr anstrengend. Aber es war die Sache wert.“

Du und Deine Freundinnen – ihr habt seit Ewigkeiten eine gemeinsame Tradition?

Martina:

Ja – schon 25 Jahre fliegen wir jedes Jahr zusammen nach Cala Ratjada. Normalerweise bin ich mit meinen Mädels immer im Juli auf Mallorca. Na ja, das ging während meiner Krankheit natürlich nicht.
Das haben wir dann auf das nächste Jahr (Anmerkung der Redaktion: 2021) verschoben und sind statt wie sonst eine Woche zehn Tage geblieben.
Ich habe in dem Urlaub einiges alleine gemacht, zum Beispiel ein E-Bike gemietet und bin auf der Insel rumgefahren. Morgens früh um sechs Uhr zum Strand, den Sonnenaufgang anschauen – das war einfach nur schön. Ich bin allein nach Sa Font de sa Cala gefahren und habe am Strand gegessen, das habe ich bisher so nicht gemacht. Meine Freundinnen akzeptierten meine Alleingänge. Aber wir haben durch das Ganze auch ein bisschen anders miteinander gesprochen oder beziehungsweise: Ich hab anders gesprochen. Früher habe ich eigentlich nie widersprochen, immer alles so hingenommen, des lieben Friedens willen. Was ich ganz schlecht konnte war „nein“ sagen. Doch jetzt kann ich das. Wenn ich etwas nicht will, dann mache ich das auch nicht.

Eine verrückte Sache gehört zu jedem Eurer Urlaube!

Martina:

Ja genau, auf Mallorca machen wir immer ein lustiges Fotoshooting, bei dem wir uns verkleiden. Das ist unser Ritual.

„Ich finde mich nicht perfekt, aber ich akzeptiere mich so wie ich bin.”

Wie war das mit Deinem Job? Hattest du von Anfang an das Gefühl, gleich wieder durchstarten zu können?

Martina:

Vor der Krankheit war ich Assistentin des Bereichsdirektors. Diesem Stress wollte ich mich danach nicht mehr aussetzen. Das hat mir meine Krankheit von Anfang an schon gezeigt: Dahin gehst du nicht zurück. Ich habe mich sehr frühzeitig mit der Personalabteilung in Verbindung gesetzt und gesagt: „Ich kann das nicht mehr. Und ich möchte es auch nicht mehr, weil ich das, was man von mir erwartet, nicht mehr in der Form erfüllen kann.“ Dann wurde geschaut, was im Unternehmen möglich ist. Da ich schon 37 Jahre dort bin, kennen mich sehr viele. Ich habe einen sehr netten Kollegen und er hat gesagt: „Martina, wir kennen uns schon so lange und ich weiß, was du für ein Typ bist. In unsere Abteilung würdest du super reinpassen. Du bist ein Teamplayer und machst dein Ding. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Komm zu uns“. Die sind so was von empathisch, meine Kollegen. Sie fragen: „Wie geht’s dir? Ist alles in Ordnung? Schön, dass du in unserer Abteilung bist. Du tust uns richtig gut!“

Also hast Du eigentlich Deine wichtigsten Ziele erreicht, oder?

Martina:

Einen Wunsch habe ich noch. Ich weiß nicht, ob ich es nächstes Jahr schaffe, aber dann vielleicht übernächstes Jahr. Ich habe Verwandtschaft in Südafrika und da möchte ich gerne noch mal hin. Ich war schon mal dort. Da war ich an einer Stelle, wo man Whale-Watching machen kann, aber das klappte an dem Tag leider nicht. Und zu den Pinguinen möchte ich gerne auch noch.
Aber ist ja auch gut, wenn man immer noch was hat, worauf man sich freuen kann. Und da fallen mir sicher auch noch viele andere Dinge ein.

Drei Freundinnen umfassen gegenseitig ihre Handgelenke, so dass ein festes Dreieck entsteht. Alle tragen das gleiche Bändchen mit dem Schriftzug “Happy”.